Einleitung

Einleitung

II.       Einleitung

 

Kultur ist zu einer “kollektiven Bürde geworden, die weder die öffentliche Hand noch private Träger ohne Hilfe des anderen wird tragen können,”[2] schreibt der niederländische Soziologe Cas Schmithuijsen im Jahr 1990 in seiner Einleitung zu einer Studie über Kulturfinanzierung in den Niederlanden in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Resümee des gleichen Berichts heisst es: “Die Intensivierung der privaten Initiative als Möglichkeit, die Ausgaben der öffentlichen Hand zurückzudrängen, ist eine Tendenz, die sich anno 1990 deutlich abzeichnet.” Für den Zeitraum von 1940 bis 1990 stellt der Bericht fest, dass “sich Aktivitäten von privater Seite und der öffentlichen Hand zunehmend ergänzend zueinander”[3] verhalten.

 

Eine traditionelle Form, in der eine Kulturinstitution von privater Seite Unterstützung erfährt, ist die Unterstützung durch einen Freundes- oder Förderkreis. Ein Freundeskreis kann dabei einer Institution nicht nur finanziell, sondern auch in jedem anderen Sinn materielle oder immaterielle Unterstützung gewähren.

 

In den vergangenen Jahren ist in vielen europäischen Ländern das Interesse am Freundeskreis neu erwacht. Im Hinblick auf die Situation in den Niederlanden konstatiert ein Bericht des Europarats mit dem Titel ‘Cultural Policies in Europe’ aus dem Jahr 2000: “Eine wachsende Anzahl subventionierter Kulturinstitutionen haben Freundeskreise oder private Förderungs-Systeme. Diese Organisationen erzielen ihr Einkommen aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden oder Erbschaften. Darüber hinaus stellen zahlreiche Freiwillige ihre Arbeitskraft zur Verfügung.”[4]

 

Ob diese Aussagen auch für die niederländischen Rundfunkorchester zutreffen und wenn ja, welche Bedeutung ein Freundeskreis dort hat oder haben könnte, soll im Rahmen dieser Arbeit untersucht und dargestellt werden. Das Hauptinteresse gilt dabei vorrangig dem aktuellen Zustand in den Niederlanden am Ende des Jahres 2002. Diese “Momentaufnahme” würde jedoch ohne historischen Kontext unverständlich bleiben; deshalb wird auch untersucht, welche gesellschafts- und kulturpolitischen Entwicklungen dieser aktuellen Situation zugrunde liegen. In einem weiteren Schritt wird dargestellt, welches Profil ein Freundeskreis haben müsste, um ein Rundfunkorchester in den Niederlanden optimal unterstützen zu können. Ergänzt wird die Arbeit durch einen Exkurs zu den Freundeskreisen der Rundfunkorchester in Deutschland. Deren aktuelle Situation wird anhand einer Umfrage mittels Fragebögen und Interviews erhoben und mit der niederländischen Situation verglichen.

 

Die zur Realisierung dieses Vorhabens angewandte Methode lässt sich als “beschreibende Analyse” auf Basis ausführlicher Recherchen in Literatur, Quellenmaterial und anhand von Interviews umschreiben.

 

Zur Quellenlage: Im wissenschaftlichen Kontext liegen nach unserem Wissen nur wenige Arbeiten vor, die sich mit dem Phänomen des Freundeskreises für Berufsorchester beschäftigen. In den Niederlanden befasst sich eine einzige Arbeit von Clara Hibma aus dem Jahre 1989 mit der Bedeutung des Freundeskreises für die symphonischen Berufsorchester des Landes. Die Rundfunkorchester werden im Rahmen dieser Arbeit jedoch nur am Rande erwähnt und auf ihre spezifische Situation wird nicht eingegangen[5]. Im deutschsprachigen Raum ist uns keine einzige Arbeit bekannt, die sich diesem Themenbereich in spezieller Weise widmet.

 

Die Quellenlage in Bezug auf die Darstellung der Geschichte der Rundfunkorchester der Niederlande ist ebenfalls dürftig und beschränkt sich auf zwei Jubiläumsbände, die von zwei Rundfunkensembles anlässlich eines Jubiläums selbst herausgebracht wurden[6]. Und auch über die Einbettung der Orchester in das Rundfunkwesen liegen unseres Wissens keine relevanten Untersuchungen oder Darstellungen vor. Die Rolle der Rundfunkorchester wird in der uns bekannten Literatur allenfalls in Fußnoten oder kurzen Unterabschnitten erwähnt.

 

Die vorliegende Arbeit hat also drei Zielsetzungen: Zunächst sollen die Lücken gefüllt und eine solide “Basis” geschaffen werden, auf der die eigentliche Untersuchung aufbauen kann. Auf dieser Grundlage kann die Bedeutung der existierenden Freundeskreise deutlich gemacht und ihr tatsächlicher Beitrag am Beginn des 21. Jahrhunderts beschrieben werden. Schließlich soll ein Profil eines Freundeskreises mit ‘größtmöglicher Bedeutung’ in Hinblick auf die Erhaltung des Orchesters entwickelt werden.

 

Die Arbeit ist dementsprechend in drei Teile gegliedert.

 

Teil I beschäftigt sich mit den existentiellen Rahmenbedingungen der Rundfunkorchester in den Niederlanden, welche sich in einem Beziehungsgeflecht zwischen dem öffentlichen Rundfunk (Träger), dem Staat (Finanzierung) und dem Publikum (Zuhörer) befinden. Zunächst wird das spezifische und nur aus seinen historischen Wurzeln heraus verständliche System des öffentlichen Rundfunks der Niederlande und die Einbettung der Rundfunkensembles in diese Struktur beschrieben. Danach wird untersucht, wie sich kunst- und medienpolistische Entscheidungen des ‘Rijk der Nederlanden’ (Reich der Niederlanden) auf die Rundfunkensembles ausgewirkt haben. Ein weiteres Kapitel beleuchtet die Frage der Finanzierung der Rundfunkensembles. Das abschließende Kapitel des ersten Teils behandelt die Frage, wie sich das Publikum der symphonischen Rundfunkorchester zusammensetzt.

 

Teil II widmet sich dem Phänomen des Freundeskreises für Berufsorchester. Hier wird zunächst die Rolle der privaten Initiative zugunsten des Orchesterwesens der Niederlande dargestellt und der Freundeskreis als dessen spezifische Ausdrucksform näher untersucht. Das dritte Kapitel dieses Abschnitts beschäftigt sich dann speziell mit den beiden existierenden Freundeskreisen der niederländischen Rundfunkorchester. Deren aktuelle Ausrichtung und Aktivitäten werden in Relation zu den Ausrichtungen und Aktivitäten der Nicht-Rundfunkorchester dargestellt.

 

In Teil III wird die Frage gestellt, welches Profil ein Freundeskreis eines Rundfunkorchesters in den Niederlanden haben müsste, wenn er von ‘größtmöglicher Bedeutung’ für das Orchester sein will. Hierzu schien es uns sinnvoll, die Freundeskreise der Rundfunkorchester in Deutschland im Rahmen eines Exkurses in die Untersuchung miteinzubeziehen und dieser dadurch eine breitere Grundlage zu geben.

 

Die wesentlichen Ergebnisse der drei Teile sind an ihrem Ende jeweils kurz zusammengefasst. Die Zusammenfassungen der Teile I, II und III lassen sich gleichzeitig auch als eine Gesamtzusammenfassung der Arbeit lesen; auf eine erneute Zusammenfassung am Ende der gesamten Arbeit wurde deshalb verzichtet.

 

Die Übersetzungen von Textpassagen aus dem Niederländischen wurden vom Autor vorgenommen. Zitierte Passagen werden jeweils im Wortlaut in einer Fußnote wiedergegeben.

[2] Smithuijsen, Cas; De hulpbehoevende mecenas; Zutphen/ Amsterdam, 1990, S. 9, wörtlich: “Tegelijkertijd is dit geliefde object van zorg uitgegroeid tot een collectieve last, die overheid noch particulier zonder hulp van de ander kan dragen."

[3] Smithuijsen, Cas; Gedeelte Zorg; in: Smithuijsen, Cas (Redaktion); De hulpbehoevende mecenas; Zutphen/ Amsterdam, 1990 (S. 246 - 259), S. 251, wörtlich: "Naarmate in dit boek de onderzochte halve eeuw verstrijkt, komen de activiteiten van particulieren en overheden meer in elkaars verlengde liggen (...) Intensivering van het particulier initiatief als mogelijkheid om de uitgaven van de overheid terug te dringen, is een tendens die zich anno 1990 duidelijk aftekent.”

[4] Council of Europe/ European Research Institute for Comparative Cultural Policy and the Arts; Cultural Policies in Europe; Bonn, 2000, S. 17, wörtlich: “A growing nummer of subsidised cultural institutions have friends’ societies or private support systems. These so-called allied organisations derive their income from membership fees, gifts and legacies. There are also numerous volunteers which lend a helping hand.”

[5] Hibma, Clara; Vrienden rond het Orkest; Utrecht, 1989

[6] Andersson, Ton/ Engelkes, Marius/ Schouten, Bert (alle Redaktion); Opgegraven historie en vertelde geschiedenis: 50 jaar Radio Kamerorkest 1945 – 1995; Hilversum, 1999; sowie: Lambalgen, Bente-Helene van; Lekker gespeeld; Amsterdam, 1997